Kennst du diesen Moment, in dem du an einer vollen Bar stehst, die Hand hebst und der Barkeeper zielsicher an dir vorbeischaut, um der Mittzwanzigerin hinter dir einen Aperol Spritz zu servieren? Oder den Moment, in dem du durch die Stadt gehst und plötzlich das Gefühl hast, eine Art Tarnumhang zu tragen, weil die Blicke der Welt einfach durch dich hindurchgleiten?
Willkommen im Club der Unsichtbaren. Mitgliedsbeitrag: ein paar Falten, graue Haare oder auch nur eine Zahl im Ausweis, die mit einer 5 beginnt.
Gesellschaftlich betrachtet werden Frauen ab 50 unsichtbar, als würden wir eine magische Grenze überschreiten. Schwups, Kinder aus dem Haus, Wechseljahre im Gepäck und für die Werbeindustrie existieren wir plötzlich nur noch als Zielgruppe für beige Funktionstextilien, Rheumasalben oder die nächste Generation von Anti-Aging-Cremes, die uns verzweifelt einreden wollen, das Altern sei eine mittelschwere Katastrophe.
Ich könnte jetzt so tun, als hätte mich dieser Moment kalt erwischt. Hat er nicht. Ich hatte Zeit, mich dran zu gewöhnen – Baby-Schritt für Baby-Schritt, wie ich das auch von der Yogamatte kenne, wo einem ja ohnehin ständig die eigenen Grenzen und blinden Flecken vorgeführt werden.
Das ist kein Gefühl. Das ist ein Befund.
Und damit wir uns nicht falsch verstehen: Das ist keine gekränkte Befindlichkeit von mir allein. Das ist wissenschaftlich vermessen, dokumentiert und mit hübschen Diagrammen versehen worden.
Frauen werden ab 50 oft unsichtbar, weil Werbung, Film und Gesellschaft sie als Zielgruppe kaum noch wahrnehmen – obwohl fast jede zweite Frau in Deutschland über 50 ist.
Die tiefenpsychologische Studie „Generation Aschenputtel“ von VSF&P und HARUKI hat sich Frauen zwischen 50 und 65 genauer angesehen – und die Ergebnisse sind, sagen wir, ernüchternd charmant formuliert: Frauen dieser Generation fühlen sich von Werbung nicht angesprochen, nicht verstanden und schlicht unsichtbar. Und das, obwohl inzwischen 42 Prozent aller Frauen in Deutschland über 50 sind. Fast jede zweite Frau also – und trotzdem: Fehlanzeige in Werbung, TV-Serien, Theater. Wir sind demografisch die Mehrheit und kulturell ein Rundungsfehler.
Auch eine Studie aus dem Jahr 2025 von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW Berlin) über die Darstellung von Frauen in deutschen Fernsehwerbespots zeigt: Frauen treten mittlerweile zwar häufiger als Expertinnen oder in beruflichen Rollen auf. Gleichzeitig bleiben stereotype Schönheits- und insbesondere Altersbilder bestehen – Frauen über 45 sind weiterhin deutlich unterrepräsentiert.
Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber bei mir lösen solche Fakten nicht Resignation aus. Sondern echten Ärger. Die gute, produktive Sorte.
Drei Typen, ein Spiegel
Die Studie unterscheidet drei Arten, wie Frauen mit dieser Unsichtbarkeit umgehen. Ich lade dich ein, kurz ehrlich mit dir selbst zu sein und zu schauen, wo du dich wiederfindest:
DIE RESIGNIERTE hat sich arrangiert. Sie führt mehr oder weniger das Leben der Frauen vor ihr fort, das „klassische“ Altern eben – leiser werden, kleiner werden, sich fügen.
DIE KÄMPFERIN, aktuell die größte Gruppe, wehrt sich, aber auf eine bestimmte Art: Sport, neue Produkte, der ständige Vergleich mit jüngeren Frauen als Referenzpunkt. Sie kämpft gegen das Altern, nicht für ein neues Bild davon.
DIE GESTALTERIN ist die dritte, kleinste Gruppe. Sie kämpft nicht gegen das Alter, sondern gestaltet aktiv, was diese Lebensphase für sie bedeutet – nach eigenen Regeln, nicht nach den alten.
Falls du dich gerade fragst, in welche Kategorie ich diesen Blog einordnen würde: Na klar, Gestalterin. Wobei ich zugebe, dass die Kämpferin in mir manchmal noch mitschreit, wenn ich im Spiegel eine neue Falte entdecke. Frau arbeitet dran.
Unsichtbar ab 50 – das Märchen vom sexuellen Verfallsdatum
Hier ist, was mich an der ganzen Sache am meisten wurmt: Es gibt keinen naturgesetzlichen Grund, warum das so sein müsste. Wir werden sexuell neutralisiert. Als hätten wir mit dem Ende der biologischen Fruchtbarkeit auch das Recht auf Lust, Erotik und ein lautes, wildes Leben an der Garderobe abgegeben.
Niemand hat entschieden, dass Frauen ab 50 unsichtbar sein müssen. Es ist eine Erzählung, die sich über Jahrzehnte in Werbespots, Drehbüchern und den Köpfen von Casting-Direktor:innen festgesetzt hat. Aber Erzählungen sind, anders als es sich manchmal anfühlt, nicht in Stein gemeißelt.
Genau das habe ich auch auf der Yogamatte gelernt, in einem völlig anderen Kontext: Viele der Grenzen, die man für unumstößlich hält, sind es gar nicht. Sie sind nur ungeübt darin, in Frage gestellt zu werden.
Und mal ehrlich, wer legt eigentlich fest, ab wann eine Frau „altersgerecht“ auftreten soll? Wer hat sich das Drehbuch ausgedacht, in dem Lust, Sichtbarkeit und Lautsein Dinge sind, die man mit 50 brav abgibt wie eine Bibliotheksausleihe, deren Frist abgelaufen ist?
Ich hab dieses Drehbuch jedenfalls nicht unterschrieben.
Der Punkt, an dem ich aussteige
Ich habe beschlossen, dass ich nicht die Resignierte bin. Und ehrlich gesagt auch nicht dauerhaft die Kämpferin, die sich an jüngeren Frauen misst wie an einer Monster-Herausforderung, die es zu bestehen gilt. Ich will gestalten. Laut, sichtbar, mit einer gesunden Portion Humor, die nicht gleich verloren geht, wenn es mal stürmischer wird.
Ich bin 54 Jahre alt. Und wisst ihr was? Ich fühle mich kein Stück „beige“. Ich habe absolut nicht vor, mich beschaulich, vorhersehbar und risikofrei in die Ecke zu setzen und darauf zu warten, dass man mir im Bus den Platz anbietet.
Die Wahrheit ist doch: Das hier ist keine Pauschalreise, bei der das Programm schon feststeht. Das hier ist das ganz große Abenteuer! Wir haben jahrzehntelang Rollen ausgefüllt, Erwartungen erfüllt und uns oft genug hintenangestellt. Jetzt sind wir an einem Punkt, an dem wir eine riesengroße Portion Lebenserfahrung, eine gesunde Portion Selbstbewusstsein und vor allem eine verdammt klare Vorstellung von unseren eigenen Bedürfnissen haben.
Deshalb gibt es diesen Blog. Nicht, weil ich die eine, endgültige Antwort auf Unsichtbarkeit hätte. Sondern weil ich der festen Überzeugung bin, dass es sich lohnt, laut darüber zu reden – über Lust, Körper, Beziehungen und all das, was gesellschaftlich gern klammheimlich für „vorbei“ erklärt wird, sobald man die 50 überschreitet.
Wenn du dich in der Resignierten, der Kämpferin oder – hoffentlich zunehmend – der Gestalterin wiedererkennst: Willkommen. Wird ein spannender Trip. Kein Pauschalausflug, eher was in Richtung Abenteuerreise. Und die brauchen bekanntlich ein bisschen Mut, Neugierde und die Bereitschaft, sich nicht schon bei der ersten Steigung die Puste ausgehen zu lassen.
Ich freu mich, wenn du mitkommst.
Quelle: „Generation Aschenputtel“ – tiefenpsychologische Studie von VSF&P und HARUKI zur Wahrnehmung von Frauen zwischen 50 und 65 in der Werbung.
Foto von Look Studio auf Unsplash mit KI bearbeitet.
